Klimastrategien sind das künftige Risikomanagement
Die Welt befindet sich inmitten eines fundamentalen Wandels. Klimastrategien werden sich zunehmend als Teil eines erfolgreichen Risikomanagements auf Unternehmens- und Investorenseite etablieren. Die Studie „Gewinnen auf grünen Märkten: Skalierung von Produkten für eine Netto-Null-Welt“ des Weltwirtschaftsforums (WEF) und der Boston Consulting Group (BCG) zeigt aber, dass eine Angebotsschwäche für emissionsarme Lösungen bis Ende des Jahrzehnts wahrscheinlich ist. Entsprechend können auch Pioniere in der Produktion grüner Produkte, die diese Lücke schließen, trotz höherer Anfangskosten langfristig erfolgreich sein.
Konkret wird die Nachfrage nach grünen Varianten für Aluminium, Stahl, Chemikalien und Beton das Angebot übersteigen. Zur Anwendung kommen diese Rohstoffe in Produkten wie zum Beispiel Fahrzeugen, erneuerbaren Energien, nachhaltigen Verpackungen und umweltfreundlichen Baustoffen.
Der Wettlauf um Marktanteile in einer zunehmend CO₂-armen Wirtschaft hat längst begonnen. Unternehmen, die frühzeitig in die Entwicklung und Produktion emissionsarmer Produkte investieren, sichern sich nicht nur eine führende Marktposition, sondern gewinnen auch die Gunst von Investoren und Kunden. Punkten können diese Unternehmen zudem bei der Kreditvergabe. Denn verstärkt werden auch hier potenzielle finanzielle Auswirkungen des Übergangs zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft analysiert und bepreist.
Dazu zählen Risiken aufgrund strengerer regulatorischer Vorgaben, technologischer Veränderungen und Marktverschiebungen. Kreditinstitute prüfen, inwiefern Unternehmen Geschäftsmodelle anpassen können, um derartige Übergangsrisiken zu minimieren. Ein zentrales Instrument in Branchen mit hoher CO₂-Intensität sind Analysen, die Auswirkungen auf die Kreditwürdigkeit in verschiedenen Klimaszenarien bewerten.
Bei der Umsetzung von Klimazielen und -strategien geht es für Unternehmen schon lange nicht mehr nur um Imagepflege. Die regulatorischen Anforderungen an Unternehmen steigen kontinuierlich – sei es durch strengere CO₂-Grenzwerte, die Einführung von CO₂-Bepreisungssystemen oder Berichterstattungspflichten im Rahmen der EU-Taxonomie.
Unternehmen, die ihre Geschäftsmodelle frühzeitig anpassen, minimieren nicht nur ihr regulatorisches Risiko, sondern verringern auch langfristig Kosten. Denn steigende CO₂-Preise werden energieintensive Geschäftsmodelle zunehmend unrentabel machen.
Dekarbonisierung ist somit weit mehr als eine Kostenfrage – sie ist eine strategische Entscheidung, die langfristige Stabilität und Wachstum sichern kann.
Neue Messlatte für Investoren
Auch Investoren stehen vor neuen Herausforderungen. Die Zeiten, in denen Portfolios rein auf finanzielle Kennzahlen ausgerichtet wurden, sind vorbei. Heute kommt es zunehmend darauf an, die Nachhaltigkeitsperformance messbar und transparent zu gestalten. Dabei gewinnen innovative Steuerungsinstrumente an Bedeutung. Werkzeuge wie Dekarbonisierungspfade für Portfolios und Emissions-Budget-Ansätze zur impliziten Messung des Anstiegs der Portfoliotemperatur ermöglichen es, die Klimarisiken bei der Geldanlage systematisch zu analysieren und die Fortschritte bei der Erreichung von Klimazielen zu überwachen.
Dekarbonisierungspfade etwa bieten einen Fahrplan zur Reduzierung der CO₂-Intensität eines Portfolios über die Zeit. Sie ermöglichen es Investoren, sich konkrete Ziele zu setzen – etwa Netto-Null Emissionen im Jahr 2050. Durch die regelmäßige Analyse und Berichterstattung können Abweichungen vom Dekarbonisierungspfad frühzeitig erkannt und Gegenmaßnahmen eingeleitet werden.
Die nächsten Jahre zeigen es
Ein weiteres zentrales Instrument zur Steuerung und Überwachung von Portfolios ist der implizite Anstieg der Portfoliotemperatur. Diese Kennzahl beschreibt, um wie viel Grad Celsius die Erde sich erwärmen würde, wenn alle Unternehmen weltweit dem Emissionsprofil der Portfoliounternehmen entsprechen. Die Messung des Temperaturanstiegs auf Portfolioebene gewinnt bei institutionellen Investoren an Bedeutung. Durch die Berücksichtigung von Klimazielen der Unternehmen ermöglicht sie eine zukunftsorientierte Analyse. Die nächsten Jahre werden entscheidend sein. Unternehmen und Investoren, die sich heute auf eine klimaneutrale Zukunft vorbereiten, können nicht nur Risiken mindern, sondern auch erhebliche Wettbewerbsvorteile sichern. Der Klimawandel ist längst nicht mehr nur eine ökologische Herausforderung – er ist zu einer Frage wirtschaftlicher Resilienz und Zukunftsfähigkeit geworden. Wer frühzeitig handelt, wird in einem zunehmend komplexen und dynamischen Marktumfeld besser bestehen. Klimastrategien sind somit nicht nur das Risikomanagement der Zukunft, sondern der Schlüssel zu langfristigem Erfolg.

Börsen-Zeitung, Sonderbeilage "Megatrend Nachhaltigkeit", erschienen am 29.3.2025, Autor Daniel Sailer, Leiter Sustainable Investment Office, Metzler Asset Management